30. März 2022 - Redaktion Providentia

Autonomes Fahren, E-Mobilität, Verbrenner: „Denkmuster immer wieder in Frage stellen“

Für Lutz Eckstein gibt es nicht „das“ Zukunftskonzept für die Mobilität, sondern ein Nebeneinander von vielen spannenden Ansätzen. Warum der Professor von der RWTH Aachen sich nicht entscheiden kann – und will.

Wenn Prof. Lutz Eckstein seine Kamera für das Zoom-Meeting anstellt, erscheint im Hintergrund kein Imagebild der RWTH Aachen, keine Konzeptzeichnung für ein autonomes Fahrzeug und kein prall gefülltes Bücherregal, sondern viel Raum und ein gelbes Rennrad, ohne Scheibenbremsen und E-Motor. Der Leiter des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen bleibt trotz aller Begeisterung für Neues immer kritisch, auch wenn es etwa um Trendtechnologien wie E-Mobilität oder automatisiertes Fahren geht, das in seinem Institut seit ein paar Jahren eine dominante Rolle einnimmt.

Aktuell hat man den Eindruck, die Autoindustrie treibt vor allem Elektromobilität und Automatisierung voran. Ist das richtig so?

Natürlich hat die Elektromobilität ihre Daseinsberechtigung. Aber wir werden in der Zukunft vielfältige Antriebskonzepte auch auf Basis der Wasserstofftechnologie und Verbrennungskraftmaschinen sehen. In zwanzig Jahren wird man sich möglicherweise wundern, warum asiatische Hersteller die besten Verbrennungskraftmaschinen herstellen und in Deutschland wieder Lehrstühle eingerichtet werden. Man sollte im Übrigen nicht denken, dass deutsche Autokonzerne komplett auf die Entwicklung der Wasserstofftechnologie und des Verbrennungsmotors verzichten. Die Unternehmenskommunikation ist aktuell sehr stark am Kapitalmarkt ausgerichtet, der Themen wie Elektromobilität und automatisiertes Fahren stärker goutiert als vermeintlich alte Technologien. Wie heißt es so schön: Alles was man sagt ist wahr, aber nicht alles, was wahr ist, sagt man.

Sie sind nicht davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird?

Das habe ich nicht gesagt, aber ich bin davon überzeugt, dass Vielfalt und Toleranz immer besser sind als Einfalt und Engstirnigkeit. Wo der eine energetische Ansatz seine Schwächen hat, ergänzt ihn der andere. Bei allen Vorzügen, die die E-Mobilität bietet, sind ja auch deren Nachteile bekannt: Eine Batterie eines Elektroautos ist sehr ressourcen- und energieintensiv in der Produktion und fühlt sich nur in einem „menschlichen“ Temperaturfenster wohl. Wie sinnvoll ist es demnach, E-Mobilität in sehr kalten oder heißen Regionen und Ländern zu nutzen? Und kann wirklich überall eine Ladenetzinfrastruktur flächendeckend aufgebaut und nachhaltig genutzt werden? Oder ist es nicht eher wie bei der Bahn, wo die Strecken nur auf stark frequentierten Strecken elektrifiziert wurden?

Klimaneutralität dürfte einer der wichtigsten Gründe sein, Elektromobilität massiv zu fördern …

Die genannten Gründe sind wichtig, auch und gerade wenn es darum geht, den besten und vor allem auch einen schnellen Weg in eine CO2-neutrale Zukunft zu finden. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel tun wollen, müssen wir zahlreiche Maßnahmen miteinander kombinieren. Wir importieren derzeit 70 Prozent unseres Energiebedarfs in Form von fossilen Energieträgern. Dabei müssen künftig nachhaltig erzeugte Energieträger zum Einsatz kommen, die sich idealerweise in Form von chemischen Verbindungen in großen Mengen zeitnah transportieren lassen. Wir müssen festgefahrene Denkmuster immer wieder infrage stellen.

Das aktuelle Projekt UNICARagil, an dem auch die TU München beteiligt ist, ist eines ihrer Lieblingsprojekte. Was ist so besonders daran?

Das Projekt ist schon allein deshalb ein Highlight, weil wir es in einem interdisziplinären Konsortium aus 16 Lehrstühlen an acht Universitäten und acht ausgewählten Unternehmen bearbeiten. Im Kern geht es darum, die Architektur für die künftige Mobilität zu entwickeln. Die Idee ist eine Art Legosystem aus Soft- und Hardware-Bausteinen, die aufgrund standardisierter Schnittstellen agil ausgetauscht werden können, so dass Funktionen während der Laufzeit aktualisiert und ergänzt werden können. Auf dieser Basis können wir die unterschiedlichsten Fahrzeuge realisieren, die in der Zukunft unterwegs sein werden. Dazu gehören autonome Shuttles und Lieferfahrzeuge genauso wie etwa intelligente Fahrzeuge mit „Schutzengelfunktion“, die etwa ältere Menschen länger individuell mobil halten könnten und damit nebenbei unsere Sozialsysteme entlasten.

Wie hat man sich das konkret vorzustellen?

Der Fahrer dirigiert das Fahrzeug mit dem Lenkrad, doch wird dieses faktisch durch eine hochautomatisierte Fahrfunktion gesteuert. Dafür haben wir in UNICARagil eine Softwarearchitektur geschaffen, die analog zum Betriebssystem moderner PCs in Form von Diensten mit expliziten Fähigkeiten strukturiert ist. Softwarekomponenten werden dadurch austauschbar und zur Laufzeit integriert wie etwa die Maus am PC, die spontan funktioniert, sobald sie angesteckt wird.

Hört sich so an, als wenn künftig für jeden etwas dabei ist …

Die Vielfalt nimmt zu. Und die Nutzer werden letztlich durch ihr Wahl entscheiden, welches Konzept sich durchsetzen wird. Klar ist, dass die Mobilitätsbausteine vielfältiger werden und Vehikel entstehen, die nebeneinander ihre Berechtigung haben werden. Das können ein autonomer Shuttlebetrieb in der Innenstadt sein, Verkehrswege und Leichtfahrzeuge zum Pendeln vom Land in die Innenstadt, „Auto-elfen“ genannte autonome Luxusfahrzeuge als mobile Wohnzimmer sowie moderne Pkws, die sowohl elektrisch als auch mit nachhaltig erzeugten Kraftstoffen betrieben werden können.

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