14. September 2020 - Redaktion Providentia

Vernetzung: Wie der Verkehr in Städten davon profitiert

Je besser Sensoren aus Fahrzeugen und Infrastruktur vernetzt sind, umso lückenloser lässt sich der Verkehrsraum erfassen. Das dient letztlich nicht nur dem Autofahrer, sondern auch allen anderen Verkehrsteilnehmern. Mobilitäts-Experte Prof. Dr. Alois Knoll und seine Vision von der Mobilität der Zukunft.

Herr Prof. Dr. Knoll, wie stellen Sie sich den Verkehr in der Zukunft vor, etwa in 15 bis 20 Jahren?

Wir werden eine vollständige Live-Erfassung des Verkehrsraums haben. An neuralgischen Punkten wie vielbefahrenen Kreuzungen oder Ringstraßen, auf denen es sich staut, gibt es aktuell zu wenig Informationen, um hohe Durchsätze zu ermöglichen. Das muss und wird sich ändern. Künftig werden entsprechende Infrastrukturen wie Schilderbrücken oder Ampeln vermehrt mit sehr leistungsfähigen Sensoren ausgestattet sein und zusätzlich Daten aus den Fahrzeugen hinzu gefunkt werden. Wobei der Anteil der Fahrzeuge, die vernetzt sein werden und Sensordaten zur Verfügung haben, immer weiter zunehmen wird. Schon heute hat ja praktisch jedes Mittelklasseauto einen Radar und mindestens eine Kamera an Bord. Klar ist: Je mehr Sensorik im Einsatz ist, umso lückenloser wird das Bild von der Umwelt.

„Eine Entwicklung hin zu autonomen Fahrzeugen kann auf einmal sehr schnell gehen. So war es ja auch mit dem Internet. Erst wurden zwei Rechner miteinander vernetzt, Jahrzehnte später kam das World Wide Web, heute entstehen Innovationen und neue Dienstleistungen im Sekundentakt.“ (Prof. Dr. Alois Knoll)

Und je mehr Sensorik im Einsatz ist, umso intelligenter wird das Fahrzeug, sofern ihm diese Informationen zur Verfügung stehen. Wird das den Einsatz von autonomen Fahrzeugen auch in Städten beschleunigen?

Die Vernetzung wird erst graduell, dann aber immer schneller zunehmen. Wir werden also nicht von heute auf morgen nur noch vernetzte Fahrzeuge auf den Straßen haben. Der Mischverkehr aus konventionellen und vernetzten Fahrzeugen wird zunehmen, aber irgendwann gibt es einen Umschlagpunkt, bei dem dann relativ rasch alle Fahrzeuge ausgerüstet sein werden. Das wird so verlaufen wie bei der Einführung des Sicherheitsgurts in den siebziger Jahren oder des Katalysators in den Neunzigern. Allerdings wird der Nutzen für den Fahrer unmittelbarer erlebbar sein. Genauso wenig werden wir auf einmal nur noch hochautomatisierte oder gar vollautonome Fahrzeuge auf den Straßen haben. Klar ist: Die dichter werdende Vernetzung ist die Voraussetzung dafür, gerade den Verkehr an den neuralgischen Punkten sicherer und flüssiger zu machen – und dadurch natürlich auch komfortabler.

Gerade in Städten gibt es den Trend zu mehr Fahrrädern, schon allein, weil die Staus in Großstädten das Fahren zu Stoßzeiten fast unmöglich machen. Hinzu kommt, dass Menschen nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie vermehrt mit dem Auto oder dem Rad unterwegs sind und öffentliche Verkehrsmittel meiden. Inwieweit nutzt die Vernetzung auch den „Schwächeren“ im Verkehr, den Radfahrern, Fußgängern und Menschen, die etwa mit E-Scootern fahren?

Hier entsteht gerade eine neue Aufgabenstellung, denn aktuell gibt es zwar erheblich mehr Radfahrer, aber lange noch nicht genug gut ausgebaute Radschnellwege. Das erhöht die Gefahr von Unfällen – mit Straßenbahnen, Autos oder Lkws. Umso wichtiger ist es etwa für den Lieferverkehr oder Lkws, zusätzliche Informationen zugespielt zu bekommen. Das erhöht die Sicherheit und den Komfort aller Verkehrsteilnehmer – von Radfahrern wie auch Autofahrern. Gerade als Radfahrer wäre mein Wunsch, den Radverkehr zu priorisieren – vor allem durch grüne Wellen für Radfahrer. Als Radfahrer ärgert man sich besonders, wenn man unsinnigerweise die ganze mit Muskelkraft aufgebaute Bewegungsenergie wieder abbremsen muss – obwohl an der Querstraße, an der der Radfahrer wartet, kein Auto weit und breit zu sehen ist. Da auch kein Detektor installiert ist, kann die Ampel auch nicht intelligent reagieren.

Bis autonome Fahrzeuge auf den Straßen fahren werden, wird es trotz zunehmender Vernetzung noch dauern …

Ja, wir werden hier eine schrittweise Einführung sehen. Im Vergleich zur Stadt ist der Verkehr auf der Autobahn recht gut zu überschauen. Deshalb werden Lkws wohl dort auch als erstes fahrerlos unterwegs sein. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es für den Spediteur einen Kostenvorteil bietet, etwa dadurch, dass der Fahrer während der Fahrt auf der Autobahn geschäftliche Telefonate erledigen oder sich um die Buchhaltung kümmern kann. Sobald er von der Autobahn abfährt, wird er ohnehin noch für einige Jahre selbst das Steuer übernehmen müssen. Allerdings kann so eine Entwicklung hin zu autonomen Fahrzeugen auf einmal auch sehr schnell gehen. So war es ja auch mit der Entwicklung des Internet. Schon 1969 wurden erstmals Rechner über die erste Version des Internets miteinander vernetzt, rund 20 Jahre später entstand das World Wide Web, das man wohl als die Technik ansehen kann, die am schnellsten von der Erfindung zu einem Massenphänomen wurde. Heute entstehen Innovationen und neue Dienstleistungen mit exponentiell zunehmender Geschwindigkeit – praktisch im Sekundentakt.

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