21. April 2021 - Redaktion Providentia

Verkehr: Digitalisieren wie ein Echtzeitunternehmen

Um ähnlich gut zu funktionieren wie ein digitalisiertes Unternehmen, muss das Verkehrsgeschehen so transparent sein wie die Geschäftszahlen eines Unternehmens. Doch dafür muss es zunächst digitalisiert werden. Ein Kommentar von Prof. Alois Knoll

Wenn Unternehmen sich ihre Absatzzahlen anschauen, sie bei Bedarf auf das Tagesgeschäft und Produktgruppen in einzelnen Geschäftseinheiten herunterbrechen und Prognosen über den Abverkauf in den nächsten Tagen oder Wochen machen, ist das nicht unbedingt eine Herausforderung mehr. Denn in einem Echtzeitunternehmen sind die Prozesse digitalisiert. Analysen und Prognosen lassen sich immer öfter per Klick machen und Management-Entscheidungen in Echtzeit treffen (etwa in einem digitalen Boardroom).

Erfolg an Durchfluss und weniger Unfällen messen

Angenommen, der Verkehr in Deutschland wäre ein Wirtschaftsbetrieb, der CEO zuständig für Geschäftsbereiche wie Autobahnen, Landstraßen und den Stadtverkehr und der Erfolg des Unternehmens würde sich am Durchfluss des Verkehrs und an der Minimierung der Unfälle messen lassen: Dann würden die Manager der „Verkehrs GmbH“ – Verkehrsminister der Bundesländer oder Beauftrage in Städten – alles dafür tun, so genau wie möglich zu wissen, was auf den Straßen passiert. Damit das möglich ist, müssen Verkehrsprozesse digitalisiert sein und Zahlen über den Durchsatz von Verkehrsteilnehmern sowie Staus und Unfälle transparent und in Echtzeit abrufbar sein.

Digitalisierte Straßen und Kreuzungen als Voraussetzung

Voraussetzung: Das Verkehrsgeschehen ist digitalisiert. Sensoren an Straßen und besonders Kreuzungen beobachten den Verkehr – ein digitaler Zwilling entsteht, der ähnlich wie die Absatzzahlen eines Unternehmensbereiches oder einer Filiale die aktuelle Situation widerspiegelt. Dass ein digitales Abbild in Echtzeit möglich ist, hat das Forschungsprojekt Providentia++ bereits bewiesen. Die Realität auf den Straßen ist analog. Deshalb sollte die Digitalisierung nun an verkehrsreichen Punkten in der Nähe von U-Bahnen, Konzerthallen und an Hauptverkehrsachsen ansetzen und dann nach und nach ausgebaut werden. Im Übrigen lassen sich über entsprechende Sensorik nebenbei auch Luftwerte wie Stickoxide, Feinstäube etc. mitmessen, so dass auch ein Indikator für die Luftverschmutzung zentral vorliegen würde.

Digitalisierung für bessere Steuerung des Verkehrs

Nur digitalisiert lässt sich der Verkehr optimal steuern. Betreiber von Autobahnen wären in der Lage, Störstellen zu beheben, Falschfahrer schnell zu erkennen und vor plötzlichen Staus zu warnen, bei Großveranstaltungen könnten Städte den Verkehr umleiten und adhoc auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren. Ein Fahrzeug allein kann derartige Situationen nicht erkennen, da die Sensorik an Bord eines Fahrzeugs lediglich in der Lage ist, bis zum vorausfahrenden Fahrzeug zu schauen, die Sicht aber durch andere Fahrzeuge oft verdeckt und eingeschränkt wird. Verkehrsteilnehmer erhalten einen Live-Blick auf den Verkehr, bekommen Vorschläge für alternative Routen oder Informationen darüber, wie stark etwa ein Bahnsteig gerade belegt ist, was in Coronazeiten interessant sein kann.

Künstliche Intelligenz hilft bei „vision zero“

Weiterer wesentlicher Vorteil: Künstliche Intelligenz ist längst in der Lage, gigantische Datenmengen sehr schnell zu analysieren. Wann entsteht ein Stau und bei welchen Konstellationen passieren Unfälle? Je mehr Daten zur Verfügung stehen, umso besser lassen sich sogar Muster herausfiltern, die auf die Bildung eines Staus oder einen Unfall hindeuten – siehe auch „Wie künstliche Intelligenz Objekte erkennt und in die Zukunft schaut“. Gerade darin liegt ein enormes Potenzial, der „vision zero“ der Europäischen Kommission (Keine Verkehrstoten mehr auf den Straßen) endlich einen Schritt näher zu kommen. Denn je schneller Informationen vorliegen, umso schneller lassen sich auch Entscheidungen treffen.

Klar ist aber auch: Wer auch immer den Verkehr digitalisiert und damit transparent macht, muss auch die Verantwortung dafür übernehmen – wie der CEO eines Unternehmens für die Geschäftsentwicklung.

Foto: iStock

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